zoom* boomt! Wir schreiben das Jahr des Corona; oder auch COVID-19; oder Coronavirus SARS-CoV-2; oder Pandemie. Die Sprache macht den Unterschied – achten Sie doch einmal auf Ihre Körperwahrnehmung, wenn Sie die unterschiedlichen Worte hören**. Was macht den Unterschied im sozialen Raum? Zwischen Präsenz-Meetings und Online-Meetings. Mir fällt auf, dass das Abstimmungs-Meeting, in welchem sich die Teilnehmer nunmehr regelmäßig rein über ein digitales Endgerät hören, flotter von statten gehen. Zeitlich meine ich. Und die Chatfunktion parallel zum auditiv(-visuellen) Ablauf höchst praktisch finden – der virtuellen Schreibtratschnachbarn gibt es nunmehr viele. Andernorts höre ich, dass man bei audio-only gleichzeitig daneben bügeln, Liegestütze machen oder mit den Kindern schimpfen kann; die Fassade – im mute-Modus – macht das schicke Hintergrundstandbild. Hoppalas gab es allerdings auch schon, als die mute-Funktion vergessen wurde und der neuartige home-context plötzlich lautstark familiäre Versäumnisse im Business-Meeting eingefordert hat…

Die Sitzung mag zeitlich wohl durchaus länger dauern, wenn die Teilnehmer mit Audio und Video teilnehmen – es entsteht mehr Raum für Face-to-Face-Interaktion denke ich. Wortmeldungen sind ohne Bild oft straffer und mit weniger Diskussion, weil man sich (mangels Face-Checks) nicht ins Wort fallen möchte. Zwischengewitzel fällt mir kaum auf – fehlt das augenblickliche Körper-Korrektiv zur Angemessenheit? Das Praxisbeispiel ist selbstverständlich ein spezifischer Kontext und keine allgemeine Wahrnehmung. Vielleicht haben Sie Aspekte des Genannten auch in Ihrem Umfeld bemerkt?

Das vierte Axiom (von Watzlawick/Beavin/Jackson) besagt, dass sich menschliche Kommunikation digitaler und analoger Modalitäten bedient. Digitale Kommunikationen (die der linken Gehirnhälfte zuzuordnen sind) haben eine komplexe und vielseitige logische Syntax, aber eine auf dem Gebiet der Beziehungen unzulängliche Semantik. Analoge Kommunikationen, wie zum Beispiel Gebärden oder Zeichnungen, besitzen hingegen dieses semantische Potenzial, aber ihnen fehlt die für eindeutige Kommunikationen erforderliche logische Syntax. So ist nicht immer sofort klar, ob Tränen der Trauer oder der Wut gelten, ob ein Lächeln Sympathie oder Verachtung ausdrückt. Nicht nur bringt eine Übersetzung vom Digitalen ins Analoge einen wesentlichen Verlust von Information mit sich, auch umgekehrt ist eine Digitalisierung rein analoger Phänomene schwierig: «Beschreiben Sie das Erlebnis eines Klavierkonzerts und zeichnen Sie die Aussage: Demokratie erfordert informierte Teilnahme.

Als Watzlawick 1960 in die USA kam – und zwar nicht nach Kalifornien, sondern eigentlich zu John Rosen nach Philadephia, wird er in der Abteilung für Psychiatrie Forschungsbeauftragter am Institute of Study of Psychotherapy. Da Rosen kurzfristig doch keine Verwendung für ihn hat, muss Watzlawick sich umorientieren und arbeitet schließlich mit Albert Scheflen und Ray Birdwhistell an Studien zur Körpersprache. Sie machen Filmaufnahmen über averbale Kommunikation in Form von Bewegungsphasen und analysieren die Einzelaufnahmen beispielsweise einer Hand – wie sie sich Zentimeter um Zentimeter bewegt. Details interessieren – es ist ein zoom-in: „Zwei Menschen, die sich unterhalten, tauschen in einer Minute einhunderttausend Informationsteilchen aus“, schätzt Birdwhistell, der body movement man***, wie er genannt wurde.

Es war ein Projekt am Rande eines Meilenstein-Projektes und zwar des «Natural History of an Interview»-Projektes, das in den 1950er-Jahren am Stanford University ́s Center for Advanced Study in the Behavioral Sciences seinen Ausgang genommen hatte. Watzlawick holt sich in diesem Projekt zur „Beschreibung der Körpersprache und Makrostruktur interaktionalen Verhaltens“ wesentliche Erfahrungen zur Kommunikation in der Psychotherapie, die wesentlich in seine hypno-systemische Arbeit einfließen werden.

Da wären wir also – bei Corona und 100.000 Informationsteilchen, welche pro Minute in einer Diskussion zwischen zwei Menschen ausgetauscht werden; und dem Unterschied zwischen digital und analog im Sinne der (!) menschlichen Kommunikation – bei Online anders als physischer Präsenz auf Tuchfühlung. Wenn wir online beispielsweise nur die analoge Stimme des anderen wahrnehmen; keinen Sichtkontakt haben, und auch die Nase mit Sinnesgerucht nicht im Spiel ist. Wenn der eigene (Home vs Office-)Kontext als Wohlfühl- oder Störfaktor auf einmal ein völlige anderer oder nicht wahrnehmbar ist – der Blick auf ein Kind fällt, das fällt; einen Menschen, dessen Glas am Besprechungstisch leer geworden ist oder der ansetzt, zu niesen – und wir uns erschreckt wegdrehen oder hilfreich nach einem Taschentuch greifen.

Die analoge Stimme übermittelt bereits sehr viel Information, die wir zwecks Orientierung durch unsere Bewertung laufen lassen: Wie ist Klang, Stimm-Melodie, Tempo, Pausen, stocken, stottern, krächzen, Satzende mit fragendem oder zum Punkt kommendem Ton? Zig Teilchen an Information sind das. Wir registrieren bei Sitzenden – zumeist unbewusst und mit allen unseren Sinnen – die Bewegung der Augen, der Nase, der Stirn, des Kopfes, der Schulter, des Oberkörpers, der Finger uvm. Verändert sich die Körperfarbe? Die Körperspannung?

Wir brauchen diese Information, besonders bei Menschen, die wir neu kennenlernen, um auf Beziehungs- wie auf Inhaltsebene unseren Platz in der Gesellschaft und damit in der Welt zu prüfen. „Das Ich entsteht am Du“, zitierte Watzlawick den in Wien geborenen Philosophen Martin Buber. Die ganzheitlich denkenden Chinesen beschreiben den Blick in die Augen eines anderen Menschen als den Blick ins Herz und damit in die Seele eines Menschen. Wie entsteht Augenkontakt in der Online-Welt?

Ja, das Corona-Jahr macht mE einen Unterschied. Weil wir entscheiden, wie wir mit diesen Unterschieden umgehen. Einfach mal gedanklich hi-nein-zoomen 😉

Text: Andrea Köhler-Ludescher; * Und viele andere Software-Lösungen für Videokonferenzen; ** Semantische Reaktionsdifferenzierungs-Übung nach SySt; *** Details in Paul Watzlawick – Die Biografie, Hogrefe-Verlag.

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