Nach Watzlawick ist die Wirklichkeit immer eine Konstruktion und der Grad der Inter-Subjektivierbarkeit ist verschieden. Die Wirklichkeit 1. Ordnung sind faktischen Abläufe und objektiv unbezweifelbare Tatsachen, z.B. Bäume und Blumen‎, die uns vom Sinnesorgan vermittelt werden, wenn wir über ein normal funktionierendes Zentralnervensystem verfügen. Die Wirklichkeit 2. Ordnung ist das Ergebnis verschiedener Bedeutungszuweisungen. Es ist die Ebene der Wert-, Bedeutungs- und Sinnzuschreibung, d.h. der unterschiedlichen Weltbetrachtungen/bilder, die nicht objektiv und ein für alle mal beschreiben und klar definiert sind. Daher gibt es für ihn keine objektive letztgültige, unabänderliche Wahrheit, sondern nur Konstruktionen bzw. Bilder von Wirklichkeiten.

Was ist der Unterschied zwischen einem Optimisten und einem Pessimisten?


«Sprache schafft Wirklichkeit, Wirklichkeit ist das Ergebnis von Kommunikation; diese Thesen scheint den Wagen vor das Pferd zu spannen, denn die Wirklichkeit ist doch offensichtlich das, was wirklich der Fall ist und Kommunikation nur die Art und Weise, sie zu beschreiben und mitzuteilen; es soll gezeigt werden, dass das nicht so ist. (in: Watzlawick, Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Piper Verlag)

«Die Wirklichkeit, die wir uns konstruieren, ist aber in vieler Hinsicht auch eine familiäre, gesellschaftliche, ideologische Wirklichkeit. Es ist nicht so, dass jeder für sich eine vollkommen private, individuelle Wirklichkeitskonstruktion hat. Jeder hat die Meinung, dass seine Wirklichkeit die wirkliche Wirklichkeit ist. Jeder, der sie anders sieht, ist ‹verrückt›. Aber was für einen Unsinn ist, kann für den anderen auch Sinn sein. Sinn und Unsinn sind nur zwei Aspekte derselben Sache. In verschiedenen Kulturen kann ein und dieselbe nonverbale Kommunikation eine ganz andere Bedeutung haben. In Griechenland wird ‹nein› mit Kopfnicken angezeigt. Die Amerikaner zählen ganz anders mit den Fingern als die Europäer – wenn ein Deutscher in den USA die Zahl drei mit Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger signalisiert, ist das für einen Amerikaner entweder unverständlich oder bedeutet ‹zwei›.» Frage an Watzlawick: «Was hat das mit Ihrer Arbeit als Psychotherapeut zu tun?» Watzlawick: «Wenn man als Therapeut arbeitet, hat das immer mit Menschen zu tun, deren Wirklichkeitskonstruktion irgendwie zusammengebrochen ist, wegen irgendeines Ereignisses, das plötzlich nicht mehr erklärbar ist durch die Weise, wie man die Wirklichkeit vorher gesehen hat. Das kann schwere Probleme erzeugen. Wenn die Wirklichkeit zusammenbricht, muss das nicht unbedingt das unweigerliche Ende sein. Durch Einführung einer anderen Wirklichkeitskonstruktion kann man sehr wohl helfen.» (Textstellen in: Vom Unsinn des Sinns oder vom Sinn des Unsinns, Piper Verlag)


Paul Watzlawick im Rahmen einer österreichischen Werbekampagne: «Es ist eine Sache, die mich immer wieder erstaunt – insbesondere jetzt im Alter, wenn ich wieder zurücksehe –, dass jeweils die scheinbar großen, schweren Misserfolge, die Schicksalsschläge, die ich im Leben erlebt habe, sich als notwendige Voraussetzung für den nächsten Erfolg ergeben haben. Wäre mir das nicht passiert, dann wäre ich nicht in die Richtung gegangen, in der ich dann etwas sehr Schönes gefunden habe.» Und die Werbe-Kurzform: «Das Wissen um die Möglichkeit des Erfolges verhilft zu einer inneren Haltung, die wesentlich zum Erreichen des Erfolges beiträgt.»


«Aus meiner Sicht muss man aus einer epistemologischen Perspektive die Vorstellung aufgeben, dass die Wissenschaft der Wahrheitserkenntnis dient; sie hat vielmehr die Aufgabe, Methoden auszuarbeiten, die für einen ganz bestimmten Zweck brauchbar sind und die – womöglich schon nach kurzer Zeit – durch wirkungsvollere ersetzt werden. Mit der Erfassung einer absoluten Wahrheit hat das nichts zu tun. Die heutige Sicht der Dinge kann sich morgen schon als untauglich und nicht mehr nützlich erweisen. Der Radikale Konstruktivismus begreift sich selbst als eine Konstruktion und nicht als eine letzte Wahrheit, er ist eine Möglichkeit, die Dinge zu sehen.» (Gespräch Bernhard Pörksen mit Paul Watzlawick, in Pörksen, Die Gewissheit der Ungewissheit. Gespräche zum Konstruktivismus; Carl Auer Verlag)

Wirklich ist für Watzlawick, was eine genügend große Zahl von Menschen wirklich zu nennen übereingekommen ist ‎- z.B. Banknoten oder Muschelgeld in Neu-Guinea – nur ist die Tatsache des Nennens (also des Zuschreibens von Sinn und Wert) ist meist längst vergessen worden. Die übereingekommene Definition wird reifiziert (das heißt verdinglicht) und wird so schließlich als jene objektive Wirklichkeit „dort draußen“ erlebt, die nur ein Verrückter oder Böswilliger (mad or bad) nicht oder anders sehen kann.