und von Gregory Bateson, Jay Haley, Virginia Satir, Heinz von Förster, Steve de Shazer, Insoo Kim Berg, Paul Watzlawick uvam lernte, erzählt uns Dr. Andreas Krafack, Psychologe und Psychotherapeut aus Wien.

Meine  unvergesslichen erfahrungen und Erinnerungen an Paul Watzlawick am Mental Research Institute (MRI) in Palo Alto, Kalifornien     

Alles begann mit meiner Sehnsucht nach meinem Studium der Psychologie und Psychopathologie an der Universität Wien, welches ich 1983 beendete, einen Aufenthalt im „Mekka“ der damaligen Psychotherapie am Mental Research Institut (MRI) zu absolvieren und erfahrungen in Theorie und Praxis zu sammeln. Nach einigen Jahren Berufserfahrung und privaten sowie beruflichen Reisen in die USA entschloss ich mich 1993 eine Bewerbung an das MRI abzusenden. Dies war damals noch mit einem für heutige Verhältnisse alten „großen Fax-Gerät“ üblich, und ich war sehr erfreut, nach einiger Zeit ein Schreiben zu erhalten, indem mir seitens der Institutsleitung meine Aufnahme (Residency Programm) mitgeteilt wurde.  Und so begannen die Vorbereitungen für den Flug nach San Francisco, von dort ging es dann mit der Bahn ca. 1 Stunde nach Stanford und dann nach Palo Alto. Das Quartier wurde mir  vom Institut vermittelt und befand sich in Gehweite.  Wir waren – wie sich herausstellte – eine internationale Gruppe , KollegInnen aus Kanada, Italien und den USA.  

Das Setting war so geplant, dass wir die gesamte Zeit am Campus verbringen und neben den Lectures und Praxiseinheiten viele Einzelgespräche mit den TherapeutInnen führen konnten. Zunächst war das Auffinden des MRI gar nicht so leicht, manche sagten „der Postbote“ gehe oft vorbei und „übersieht“ das Institut, welches wie ein „Motel“ aussah. Für uns in Europa war es DAS Zentrum der Psychotherapie („State of the Art“) mit einer langen erfolgreichen und innovativen Entwicklungsgeschichte. Der Erfolg war vergleichbar mit dem Milton Erickson Institut in Phoenix Arizona. Der Ruhm des MRI war natürlich mit vielen prominenten TherapeutInnen verknüpft wie eben Paul Watzlawick, Virginia Satir, Dick Fish, John Weakland , Jay Haley, Don D. Jackson, Heinz von Förster, Salvador Minuchin, Irvin Yalom und Bandler/Grinder und vielen mehr. Auch die Sprachanalyse von Chomsky und Wittgenstein wurde ein integrativer  Bestandteil der Arbeiten. Gregory Bateson zusammen mit Don D. Jackson und Anderen entwickelten die bekannte Double Bind-Theorie die unter anderem ein neues Verständnis bei der Entstehung der schizophrenen Psychose bewirkte.

Die Idee der Gründung des MRI erfolgte durch Gregory Bateson (1904-1980) der in den 50er Jahren einen Forschungsauftrag zur Analyse menschlicher Kommunikation erhielt  und einen großen Einfluss auf die Kybernetik, Informationstheorie, Erkenntnistheorie, Anthropologie  und systemische Familientherapie hatte. ((Anmerkung AKL: Das MRI wurde 1958 vom Psychiater Don De Avila Jackson gegründet, welcher zuvor in der 1. Palo Alto-Gruppe um Bateson in den mid-50ern mitgearbeitet hatte.)) Seine Vielzahl an Büchern wie zB. „Ökologie des Geistes“ (Ecology of Mind), „Schizophrenie und Familie“ etc. hatten einen starken Einfluss auf die Psychotherapie.  Von ihm stammt unter anderem auch das Zitat: „Information ist ein Unterschied,  der einen Unterschied macht“ („The difference that makes the difference is the goal“)

1959 schließlich wurde das MRI mit privaten und öffentlichen Geldern finanziert, und 1963 zu einer unabhängigen Institution, in der Verhaltensforscher, PsychologInnen, PsychotherapeutInnen und Psychiater arbeiteten und publizierten. 1973 wurde Jules Riskin und 1980 Carlos Sluzki Leiter des Instituts. 1967 wurde das „Brief Therapy Center“ gegründet, welches zum Ziel hatte , im Gegensatz zu jahrelangen Psychotherapien mit 10 bis 20 Sitzungen effektive therapeutische Erfolge zu erzielen. Und dies auf eine damals höchst ungewöhnliche Art: Hinter einem Einwegspiegel sassen Therapeut und Patient bzw. Paare oder Familien . Immer dann, wenn der Therapeut an seine/ihre Grenzen gestossen war, wurde die Gruppe hinter dem Einwegspiegel gefragt, was wohl gute Ideen der Intervention wären. Diese Ideen wurden dann dem Therapeuten via „Festnetztelephon“ mitgeteilt bevor die Therapiesitzung weiter ging. Wichtig waren Transparenz und Aufklärung der PatientInnen, was es mit diesem ungewöhnlichen Vorgehen auf sich hatte.  Die Autorität der TherapeutInnen  sollte ja auch nicht untergraben werden. Charakteristisch für die Forschungsmethodik war die kontinuierliche Aufzeichnung aller Interviews und Therapiesitzungen mittels Tonband und Video. Dies wurde den PatientInnen natürlich ebenfalls mitgeteilt und ihr Einverständnis eingeholt. Innovativ war auch das „Emergency Treatment Center“, eine 24 Stunden Krisenintervention vor allem bei Opfern von Gewalt. Auch gab es das Konzept „Pets in Psychotherapy“, welches die Wichtigkeit von Tieren in der Psychotherapie betonte, ebenfalls in Europa zu dieser Zeit noch relatives „Neuland“.

Die  Abteilungen gliederten sich in  das „Brief Therapy Center“, die „Clinic“, das „Emergency Treatment Center“, das Trainingscenter (internationale Kurse), die Abteilung „Katalyst“ (diese hatte die Aufgabe Trainings in Organisationen durchzuführen) sowie die Forschungsabteilung. Der Zugang zur Bibliothek und zu den „VHS“ – Videos von bedeutenden Sitzungen (z.B. von einer effektiven Sitzung mit Virginia Satir, an die ich mich noch erinnere) war ein zusätzlicher Anreiz lange Zeit am Institut zu verweilen. Der Arbeitstag gestaltete sich also in der Form, dass die Lectures (Theorie) vormittags stattfanden und die Praxis nachmittags. Auch das Soziale leben kam nicht zu kurz: fast jeden Tag gab es eine Art „Social Gathering“ bei dem man sich informell unterhalten konnte und in der Mittagspause konnte man im Menlo Park Rad fahren, oder man war mit dem Autobus unterwegs (ich erinnere mich noch an die Stimme des Fahrers, der sagte „Menlo Park next“) . Der Abschluss des Residency Programs („die Krönung“) war dann ein mehrtägiges Seminar an der ehrwürdigen Stanford University mit Steve de Shazer und Insoo Kim Berg . Die Stanford University, eine der Top Universitäten der Welt war in Gehweite und der ideale Ort, die letzten Tage mit Vorträgen und Demonstrationen von Therapien zu verbringen. Die Mittagspausen verbrachten wir am herrlichen Universitätscampus (siehe Foto).

Stanford University at Palo Alto

Der innovative Therapieansatz im Mental Research Institute:

Der damals ungewöhnliche Therapieansatz, den Jay Haley in seinem Standardwerk mit „Uncommon Therapy (Jay Haley, Norton&Company, 1973) mit vielen praktischen Beispielen – auch aus Sitzungen mit Milton Erickson – zusammengefasst hat, war ein höchst innovativer und in Europa noch weitgehend unbekannter: 

Zuerst unterschreibt der Klient einen Vertrag, dass er/sie über das Setting der Therapie informiert wurde und mit diesem einverstanden ist. Die Regeln dazu waren: die Therapiedauer beträgt maximal 10 Sitzungen, die Sitzung wird mit Video gefilmt und aufgezeichnet, diese Aufzeichnungen sind jedoch nur MitgliederInnen des therapeutischen Teams zugänglich. Mitglieder des therapeutischen Teams stehen mit dem Therapeuten hinter dem Einwegspiegel in telefonischem Kontakt. Es ist auch jederzeit möglich, daß ein anderer Therapeut den Raum betritt, um Fragen zu stellen oder zu intervenieren.

Nach 6 Monaten wird eine Katamnese erhoben. 

Das therapeutische Setting: 

  1. Das Problem (Anliegen) wird definiert , also “Clarify the problem” bzw. “Who is doing what to whom and in what way does that behavior constitute the problem?; and “Who is the complainant?”. Also – salopp formuliert – “Wer beschwert sich über welches Verhalten und für wen ist es ein Problem?”) 
  • “Miracle Question“ von Steve de Shazer („Was wäre, wenn Sie heute Nacht einschlafen und eine „gute Fee” würde Ihnen die Probleme wegnehmen, mit denen Sie zu mir kommen ? Was würde sich ab morgen dann ändern ? Woran würden es Andere erkennen und wer als Erster ? Hätte es ausschließlich Vorteile, wenn das  Wunder passieren würde ? Wo stehen Sie heute hinsichtlich ihrer Ziele auf einer Skala zwischen 1 und 10 ?“
  • Welche Lösungsversuche (“attempted solution”) wurden bisher unternommen ?
  • Welche Hypothesen hat der/die KlientIn bezüglich seines/ihres Problems („clients position”)
  • Erkennen des vicious circle (circulus vitiosus = „Aufschaukelung“ des Problems, wodurch wird das Problem aufrechterhalten ?)
  • Sich der Sprache des Klienten bedienen, Herstellung eines Klimas der Beeinflussung (“Setting the Stage/Strategiy of Influence, Selling the Intervention“)
  • Planen und Ausführen der Interventionen („Planning and Delivering the  Intervention“), Monitoring des Fortschrittes des Klienten
  • „Go slow“ um die neuen Ansätze zu internalisieren. Zusatzfrage:  „Woran erkennt der Klient einen kleinen aber wesentlichen Fortschritt erzielt zu haben?“
  • Förderung der Selbstattribution bei gewünschter Veränderung („Wie haben Sie das denn gemacht ?)

Wesentlich war auch,  sich in Erinnerung zu rufen, keinen zu starken Optimismus zu erzeugen (um Widerstände zu verhindern) oder die Arbeit des Klienten übernehmen zu wollen (nach dem Prinzip: „Don´t work too hard“).

Meine Begegnungen und Gespräche mit Paul Watzlawick, persönliche Eindrücke:

Zunächst ist mir die Persönlichkeit von Paul Watzlawick, der ja unter anderem Professor in San Salvador und auf dem Weg zurück nach Europa war, jedoch dann doch in Kalifornien am Mental Research Institute blieb, sehr in Erinnerung. Er wirkte sehr anders als die amerikanischen Therapeuten und galt auch als „Sir“, als Europäer, der langsam und bedächtig die Stiegen hinunterging und auf Abstand bedacht war (wie es in Europa ja üblicher ist), während John Weakland, Dick Fish, Arthur Bodin, Diana Everstine etc. nach den Lectures sehr locker wirkten und mit uns TeilnehmerInnen auf „ein Bier“ gingen, um zu plaudern. Paul war anders, er strahlte besonder Würde und Respekt aus und wirkte emotional sehr beherrscht.

Ich habe Paul Watzlawick in einer Vielzahl an Einzelgesprächen als profunden Experten von Weltrang empfunden, der stets ein offenes Ohr für meine gerade anstehende Themen bei KlientInnen hatte (Supervision). In einem der Gespräche verwendete er – da ich ihn hinsichtlich einer Paartherapie etwas fragte, den Metapher des Schachspiels: 

Angenommmen, jemand der noch nie etwas über dieses Spiel erfahren hat, beobachtet zwei Schachspieler, wobei ihm/ihr folgendes auffallen wird: a) die Spieler verhalten sich so als ob sie einer Regel folgen würden („as if“); b) alle Informationen über diese Regeln liegen im Spiel selbst – es ist nicht notwendig in die Vergangenheit des Spiels oder der Spieler zu gehen oder die Persönlichkeit der Spieler zu ergründen. C) es gibt keinen Grund dem Spiel einen zugrundeliegenden symbolischen Sinn zu geben. 

Diese Metapher war ziemlich konträr zur damaligen Auffassung der klassischen Psychoanalyse oder psychoanalytisch orientierten Psychotherapie, bei der es um die Vergangenheit der handelnden Personen ging. Die Kürze der Interventionen („Brief Therapy“) im Vergleich zur jahrelangen hochfrequenten Psychoanalyse war revolutionär.

Auswirkungen auf meine Laufbahn als Psychologe und Psychotherapeut („Impact“):

Da ich unmittelbar nach meinem Aufenthalt in Palo Alto neben meiner Arbeit als Klinischer Psychologe und Psychotherapeut in der Organisationsberatung und Beratung von Familienunternehmen tätig war, merkte ich, wie sehr mich die Begegnung mit Paul Watzlawick beeinflusste. Ich sah dass ich neben der Einzel-Paar- und Familientherapie die Prinzipien der Kurzzeitinterventionen bei Veränderungsprozessen in Organisationen und Unternehmen mit großem Erfolg anwenden und dabei immer wieder auf die gemachten Lernerfahrungen zurückgreifen konnte.  Nach dem Ende des Residency Programs stand ich weiterhin in Verbindung mit den Persönlichkeiten des MRI und habe auch Freundschaften unter den TeilnehmerInnen gewonnen, wodurch ein reger internationaler Austausch entstand. Insofern hatte mein Aufenthalt und u.a. die Gespräche mit Paul Watzlawick einen ausserordentlich starken Einfluss (Impact) auf meine weitere Berufslaufbahn, nicht nur in Beratung und Psychotherapie, sondern auch auf meine 35-jährige Lehrtätigkeit an der Universität Wien und in Vorträgen und Seminaren zum Thema menschlicher Kommunikation. In der Praxis behandle ich seit Jahrzehnten viele PatientInnen mittels  Kurzzeittherapie – unter anderem Ängste, Depressionen, Zwänge und psychosomatische Beschwerden. Bewährt hat sich – retrospektiv gesehen – am besten  ein eklektischer auf den Patienten bezogenen Therapieansatz („Customized Therapy“) der Elemente der „Brief Therapy“ des MRI , der Hypnotherapie nach Milton Erickson und der kognitiven Verhaltenstherapie enthält. 

Über die Jahre hat sich das MRI nun stark verändert, personell, inhaltlich und durch Bezug eines neuen Institutsgebäudes in Menlo Park. Ich verfolge stets mit großem Interesse die Veränderungsprozesse des Instituts und erfreue mich an den Nachrichten, die mich auf dem Laufenden halten.

Zusammengefasst bin der festen Überzeugung, dass Paul Watzlawick bis heute und auch in der Zukunft einen hohen Stellenwert im Bereich der Entwicklung der „Brief Therapy“ und Kommunikationstheorie hat und seine Arbeiten über die Anwendung der Psychotherapie weit hinaus in andere Gebiete der Anthropologie, Sprachtheorie, Wissenschaftstheorie und Organisationsberatung weiterhin Eingang finden und natürlich gefunden haben.

Die Erfahrung am Mental Research Institute (MRI) in Palo Alto und die Begegnung und Gespräche mit Paul Watzlawick  gehören sicherlich zu den schönsten und bereicherndsten Erfahrungen in meinem beruflichen Leben !

ZUM AUTOR : Dr. Andreas Krafack ist Klinischer Psychologe und Psychotherapeut, Gerichtlich beeideter Sachverständiger und Universitäts-Lektor in Wien.

Er ist der Urenkel von Emily (Minnie) Bamberger-Bauer, einer Schwester von Erwin Schrödingers Mutter Georgine Schrödinger-Bauer. Er lebt und arbeitet in dem Haus in der Gluckgasse 3 im 1. Wiener Bezirk, das von Erwin Schrödingers Großvater erworben wurde. Erwin Schrödinger lebte hier von 1890 bis 1920 in den heute von Andreas Krafack bewohnten Räumen und beschreibt diese Zeit ausführlich in seinem Buch »Mein Leben, meine Weltansicht« (Seite 19, Ausgabe 1985, P. Zsolnay Verlag).

Es erfolgte eine minimale Textredigierung durch A. Köhler-Ludescher (AKL); Fotos von Andreas Krafack

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